Panische Angst vor „Praktikas“
14. März 2011 – 09:40Unternehmen müssen heute alles tun, um frühzeitig den viel versprechenden Nachwuchs für Spezialisten- und Führungspositionen für sich zu gewinnen. Ein Blick auf Stellenausschreibungen zeigt: So all zu viel Mühe geben sich zumindest einige Arbeitgeber dabei noch nicht. Die Ausschreibungen sind zum Teil wenig ansprechend, ja nachlässig formuliert.
Nehmen wir etwa die Anzeige eines bekannten Automobilherstellers. Der verlangt für ein Marketingpraktikum nicht nur „sehr gute Deutschkenntnisse in Wort und Schrift“, sondern auch „bereits erworbene praktische Berufserfahrung in Form von Praktikas etc.“
Aha. Nun wissen einige noch aus dem Lateinunterricht, dass der Plural in diesem Fall auf „a“ gebildet wird und ein „s“ dabei nicht nötig, ja vielmehr falsch ist, es also richtig „Praktika“ heißen muss. Diejenigen, die nicht mit Lateinlektionen während ihrer Schulzeit traktiert wurden, können auch auf einfache Online-Hilfsmittel wie www.duden.de oder schlicht auf Google zurückgreifen. Leicht lässt sich so herausfinden, wo der Pluralhase korrekt lang hoppelt. Die Recruiter aus dem Automobilkonzern sind übrigens keine Ausnahme: Auch ein großes Telekommunikationsunternehmen setzt „1-2 absolvierte Praktikas“ voraus und ein anderer renommierter Arbeitgeber wünscht sich einige „Praktikas in Industrieunternehmen“.
Derartige Fehler implizieren eine geheime Botschaft an potenzielle Bewerber: Wir Recruiter verlangen von dir absolute sprachliche Korrektheit in der Bewerbung, bei uns voraussetzen darfst du die allerdings nicht. Quod licet iovi non licet bovi, spricht der Lateiner, „was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt“. Derartige sprachliche Nachlässigkeiten sind häufig ein Symptom dafür, dass es Arbeitgeber mit den Ausschreibungen für den Nachwuchs nicht ganz so genau nehmen. Sehr lieblos fanden wir in diesem Zusammenhang auch die Funktionsbezeichnung (=Schlagzeile einer Stellenanzeige) „Praktikum im Bereich Text“, die sich fast durchgängig in den Ausschreibungen der ganz großen Marketingagenturen findet. Damit suchen sie Praktikanten, die die Schreibarbeit in einer Agentur kennen lernen möchten. Die gewerbsmäßigen Kommunikatoren müssten es eigentlich besser können.
Spätestens seit Bastian Sick („Man trifft sich im Abendbereich“) sollte sich herumgesprochen haben, dass das Wort „Bereich“ kein Qualitätsausweis für ein gehobenes Sprachniveau ist, sondern ein arg strapaziertes und daher besonders nervtötendes Füllsel. Das taucht natürlich nicht nur in Praktikantenanzeigen auf. Besonders wuchtig fanden wir unter diesem Blickwinkel die folgende Jobbezeichnung in der Anzeige einer internationalen Ingenieurgesellschaft: „Berechnungsingenieure im Bereich Steifigkeit (m/w). Aus dem Bereich Automotive“. Da ist doch so rein bereichsmäßig wirklich alles im grünen Bereich. Warum nicht gleich „Mitarbeiter/-innen aus dem Ingenieurbereich (Unterbereich Berechnung) im Bereich Steifigkeit aus dem Bereich Automotive“?
Die aufgeregte Überschrift zu einem etwas älteren Bewerber-Beitrag in einem Forum „Panische Angst vor Praktikas!!!!“ jedenfalls können wir nach der Lektüre einschlägiger Ausschreibungen sehr gut nachempfinden. ..
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